Gleiche Arbeit, weniger Einkommen, daher später deutliche Abschläge bei der gesetzlichen Rente. Die vom Statistischen Bundesamt jüngst vorgelegten Zahlen zeigen zwar eine Schrumpfung der Einkommenslücke zwischen den Geschlechtern auf, aber immer noch werden Frauen für die gleiche Arbeit pro Stunde durchschnittlich schlechter entlohnt als Männer. Man könnte meinen, dass die Frauen aus dieser Schere auch im fortschreitenden 21. Jahrhundert nicht herauskämen. Aber es gibt bei den neuesten Zahlen stellenweise Kritik.

 

Längst wurden zahlreiche Ursachen erkannt. Zum Beispiel gibt es in Deutschland weiterhin zu wenige Angebote zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Besonders in den alten Bundesländern ist dies nach wie vor ein großes Problem, während die östlichen Bundesländer dank des aus der DDR übernommenen Kita-Systems besser dastehen. Dennoch kein Vergleich zur Situation in Frankreich, welches mit Blick auf die professionelle Kinderbetreuung weiterhin als Vorbild in Europa gepriesen wird. Dies hat oftmals mittelbar zur Folge, dass bei Müttern, die ihre Kinder ganz oder als Teilzeitkräfte zumindest überwiegend selbst betreuen, Beschäftigungslücken trotz hervorragender beruflicher Qualifikation bislang unvermeidbar sind. Zudem sind klassische „Frauenberufe“ im sozialen Bereich wie etwa Pflege und Erziehung in der Regel schlechter bezahlt, als etwa die gefragten MINT-Qualifikationen der Männer, die als Ingenieure, Physiker, Chemiker u.a. in der Industrie tätig sind. Leider übergehen die meisten Statistiken diese wichtigen Unterschiede und so erscheint die „Schere“ größer, als sie ohnehin noch ist. Denn auch in den genannten Sozialberufen werden Männer oftmals besser bezahlt als die Kolleginnen. Zwar wurden zwischenzeitlich politische Gegenmaßnahmen ergriffen, aber nicht alles ist (schon) wirksam bzw. manches geht am tatsächlichen Problem vorbei.

 

Im Jahr 2016 begingen die Frauen in Deutschland den „Equal Pay Day“ am 19. März. Rein rechnerisch müssten die Männer in Deutschland erst am 20. März anfangen zu arbeiten um an Silvester desselben Jahres das identische Bruttoeinkommen wie die Frauen zu erzielen. Seit der Jahrhundertwende ist dies zwar eine Verbesserung von fast einem Kalendermonat, aber immer noch beinahe das ganze 1. Quartal. Aber wie errechnet sich das eigentlich?

 

Die erwähnte Studie des Statistischen Bundesamtes geben Aufschluss im Sinne einer generellen Rechnung: der durchschnittliche Bruttostundenlohn einer Frau lag im vergangenen Jahr bei EUR 16,20 Euro bei den Männern EUR 20,59, oder relativ ausgedrückt verdienten die Männer ca. 21 % mehr pro Stunde. Die Tendenz ist leicht fallend, vom Jahr 2014 auf 2015 exakt um ein Prozent. Man vermutet, dass vor allem der seit 1. Januar 2015 geltende gesetzliche Mindestlohn vor allem dazu beigetragen hat, dass die vielen schlecht bezahlten und meist von Frauen ausgeübten Jobs dadurch finanziell etwas aufgewertet wurden. Das brachte bisweilen Lohnzuwächse von manchmal 40 %, wenn auch auf einem extrem niedrigen absoluten Niveau. Allerdings betrug der Anstieg im Bereich der prekären Beschäftigungen im Osten nur 8 %, im Westen hingegen fast 23 %. Die Statistiker haben zu diesem überraschenden Phänomen keine alleingültige Erklärung, waren doch vor allem Frauen in der Dienstleistung und dem Einzelhandel in den neuen Bundesländern besonders von Dumpinglöhnen wegen Strukturschwäche und Wettbewerb am Arbeitsmarkt auf Grund hoher Arbeitslosenzahlen betroffen!

 

Die Langfristfolgen bei der gesetzlichen Rente lassen sich hingegen klarer beschreiben. Hier schnitten Männer um 40 % besser ab als Frauen – etwaige Betriebsrenten, die vor allem für Industriearbeiter und –angestellte zusätzlich gezahlt werden, nicht eingerechnet. Die Kluft bei der monatlichen Bruttorente betrug mehr als EUR 400. Zwar erwerben Frauen mit Kindern nun mehr Entgeltpunkte im Rahmen der Rentenformel, dies kompensiert aber bei Weitem nicht die Zeiten der Kindererziehung. Diese Karenzzeiträume lassen sich in der Regel bis zum Erreichen des Rentenalters nie mehr aufholen. Hinzu kommen in der alternden Gesellschaft zunehmend noch Auszeiten für die Pflege der (Schwieger-)eltern. Dies übernehmen überdurchschnittlich oft Frauen. Somit kann es sein, dass eine Frau dasselbe Einkommen wie ein gleich qualifizierter und beschäftigter Mann erhält, dies aber nicht die klassischen 45 Berufsjahre lang. Schon Auszeiten, gerechnet auf ein ganzes Menschenleben von 5 Jahren reißt eine gewaltige Lücke in die Rentenberechnung. Viele Frauen unterschätzen dies, wenn sie sich dafür entscheiden, mehr für ihre eigenen Kinder oder Eltern da zu sein und dann etwa von ihrem Recht auf Teilzeitbeschäftigung für mehrere Jahre Gebrauch machen.

 

Erfreulich ist hier allenfalls, dass die Schere bei den Renten in den vergangenen 25 Jahren immer weiter zugegangen ist. Die höhere Lebenserwartung von Frauen – rein statistisch – ist zwar auch ein für die Betroffenen schöner Umstand, aber auch dies schlägt sich grundsätzlich negativ in die Rentenberechnung nieder, weil dadurch die Bezugsdauer von Rente natürlich länger ist als bei Männern. Wenn man noch bedenkt, dass seit vielen Jahren die Lohnzuwächse in den unteren Einkommensklassen langsamer wachsen als die Preissteigerung, könnte dies für die Existenzsicherung im Alter auch für die aktuelle Erwerbsgeneration gefährlich werden.

 

Soweit das Statistische Bundesamt. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) aber nennt andere Ursachen für Lohnungleichheit und behauptet, dass es die Lohnlücke eigentlich gar nicht gebe.

Kurz vor dem diesjährigen „Equal Pay Day“ erklärte ein Sprecher des IW gegenüber einer großen deutschen Tageszeitung, dass man bei Berücksichtigung aller Faktoren wie Kinder- und Pflegepausen, Größe des Arbeitgebers und des spezifischen Berufs de facto keine Einkommenslücke bestünde. Die vom Statistischen Bundesamt ermittelte von 21 Prozent für 2015 berücksichtige zum Beispiel nicht, dass der Anteil von Frauen in kleinen Firmen, die weniger Gehalt zahlten, deutlich höher liege als in besser zahlenden Großunternehmen. Zugleich lehnte der Experte des IW das der Bundesministerin Andrea Nahles (SPD) geplante Lohngleichheitsgesetz als ein bürokratisches Monstrum (sic!) ab. Unabhängig davon beziffert das arbeitgebernahe Hamburgische Weltwirtschafts-Institut (HWWI) den Lohnabstand zwischen Männern und Frauen auf nur 2,3 Prozent.

 

Nun stellen sich nicht nur die Frauen die berechtigte Frage, wer sich hier verrechnet. Gilt mal wieder das alte Sprichwort von Winston Churchhill „Traue keiner Statistik, die Du nicht selbst gefälscht hast!“, oder sollten die Experten ihre Rechengrößen überdenken?

Angesichts der Ungerechtigkeit am Arbeitsmarkt sowie der drohenden Altersarmut sind das keine Spielereien am sprichwörtlichen Rechenschieber. Man muss kein Feminist (m/w) sein um zu erkennen, dass gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit auch ein Teil des sozialen Friedens in unserer Gesellschaft ist.

Wir warten also gespannt auf Lösungen.

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