Per Blue Card in die EU – Deutschland Nummer 1 für ausländische Fachkräfte

Schon seit einigen Jahren nimmt Deutschland beim EU-Programm „Blue Card“ den ersten Platz ein. Dies bedeutet nicht weniger, als dass hier für hochqualifizierte Spezialisten einerseits enorme Bedarfe auf Seiten der Arbeitgeber bestehen, andererseits dass die Bundesrepublik für diese Personengruppe einen attraktiven neuen Lebensmittelpunkt darstellt. Ca. 87 % aller Inhaber dieses speziellen Passes landen in Deutschland, die weiteren 13 % in den anderen derzeit noch 27 EU-Mitgliedsländern.

Wer nicht aus einem EU-Staat kommt, in Deutschland aber dauerhaft zum Zweck der Arbeitsaufnahme leben möchte, hat die Möglichkeit, sich im Rahmen des sogenannten Blue-Card-Programms um eine Arbeitserlaubnis hierzulande zu bewerben. Dabei stammen die meisten Fachkräfte über die letzten Jahre hinweg meist aus Indien, China und Russland. Gefragt sind im Hinblick auf die Qualifikation vor allem die MINT-Berufe. Das heißt mehrheitlich haben Spezialisten auf den Feldern der Informationstechnologien, der Ingenieurwissenschaften und des Maschinenbaus die besten Chancen auf eine dauerhafte Einwanderung. In den vergangenen 20 Jahren wurden vielfältige Voraussetzungen für die gegenseitige Anerkennung von Abschlüssen, vor allem universitärer Grade und Titel auf den Weg gebracht. Dies ist Grundvoraussetzung dafür, dass Arbeitgeber leicht erkennen können, ob ein Kandidat aus dem fernen Ausland die notwendigen Kenntnisse mitbringt. Als zweite Hürde, die aber in Deutschland angesichts des Lohnniveaus leicht genommen werden kann, ist die Gehaltsuntergrenze. So müssen Bewerber grundsätzlich mindestens 52.000 Euro pro Jahr verdienen, bei den schon erwähnten Mangelberufen in den Naturwissenschaften, Mathematik, Ingenieurwissenschaften, Humanmedizin und IT liegt die Mindestgrenze bei 40.560 Euro und damit bewusst etwas darunter. Die Blue Card, mit der natürlich auch eine Aufenthaltserlaubnis verbunden ist, gilt für ein bis vier Jahre, es besteht auch die Möglichkeit, nach 21 bis 33 Monaten einen dauerhaften Aufenthaltstitel zu beantragen und sich damit aus diesem spezifischen Programm zu entkoppeln.

Diese Angebote richten sich derzeit vor allem an Akademiker, die Hürden sind dementsprechend hoch. Das Ganze geht auf eine Idee des damaligen Bundeskanzlers Schröder um die Jahrtausendwende zurück. Man wollte einerseits mit Rücksicht auf damalige parlamentarische Mehrheitsverhältnisse ein generelles Einwanderungsgesetz umgehen, indem diese Möglichkeit erfunden wurde. Zu dieser Zeit warb die damals oppositionelle CDU mit dem Slogan „Kinder statt Inder“ um Stimmen. Mittlerweile hat sich bei allen im derzeitigen Bundestag vertretenen Fraktionen aber die Erkenntnis durchgesetzt, dass die zunehmende Überalterung verbunden mit einer stetigen Schrumpfung der Gesellschaft Einwanderung notwendig ist, damit das Lebensniveau und Deutschland dauerhaft gesichert werden kann. Daher hörte man in der parlamentarischen Sommerpause aus den unionsgeführten Ministerien für Inneres und Gesundheit, dass man solche Programm wie die Blue Card auch auf zahlreiche Berufe in der Pflege und im Handwerk ausdehnen müsste. Eine interessante Entwicklung innerhalb einer Generation, zumal vielfach noch dieselben Politiker an den Schalthebeln der Macht sitzen, die solche Ideen einst als gefährlich rigoros abgelehnt hatten. Die Misere bei der Besetzung der Ausbildungsplätze, die sich seit Längerem von Jahr zu Jahr wiederholt und über die wir kürzlich an dieser Stelle berichteten, spricht Bände. Darüber hinaus wächst auch der allgemeine Dienstleistungssektor rasant, es werden längst nicht nur akademische Spezialisten gesucht. Da immer mehr Unternehmen Aufträge mangels Personal ablehnen müssen, hat dies bereits heute negative Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum. Tendenz steigend.

Erfreulich ist bei der Betrachtung der Statistik zur Blue Card, dass Deutschland allen Unkenrufen zum Trotz für Migranten mit gefragten Qualifikationen attraktiv ist. Befragte Berufstätige aus dem außereuropäischen Ausland geben in der Regel an, dass ihnen an Deutschland neben den guten Einkommensmöglichkeiten auch der innere Frieden, die gut ausgebaute Infrastruktur, die Sicherheit in den Städten sowie das erträgliche Klima besonders ausschlaggebend für ihre Entscheidung war. Darauf lässt sich sicherlich aufbauen, wenn man nun endlich die Lösung der angesprochenen Themen bei Pflege und Handwerk nachhaltig angeht.

Zu guter Letzt bemerkenswert ist noch ein anderer Aspekt aus der jüngeren Vergangenheit. Als die Staaten des ehemaligen Ostblocks im vergangenen Jahrzehnt sukzessive EU-Mitglieder wurden, herrschte große Sorge vor einer Überschwemmung der westeuropäischen Arbeitsmärkte im Zuge der Arbeitnehmerfreizügigkeit aus dem Osten und Südosten. Anscheinend ist es aber nun wenige Jahre später so, als ob diese Ressourcen weitgehend abgeschöpft seien. Länder wie Polen, Tschechien, die Slowakei aber auch Rumänien beklagen mittlerweile, dass ihre gut qualifizierten Arbeitskräfte einem biblischen Exodus gleich weitgehend nach Westen abgewandert seien. Dies schafft dann freilich in deren Herkunftsländern zu ähnlichen Problemen, diese werden also nur räumlich verlagert. Umso wichtiger erscheint es objektiv betrachtet, motivierte und qualifizierte Menschen jungen und mittleren Alters für die Arbeitsaufnahme in der EU zu begeistern. Es bleibt abzuwarten, ob die Politik diesen sichtbaren Notwendigkeiten mittels Gesetzesinitiativen Rechnung tragen wird.