Zwischen gefühltem Stress und der belegbaren Wirklichkeit liegen oftmals Welten. Da ist es gut, dass ein Think-tank der Bundesagentur für Arbeit alljährlich eine große Studie zur Arbeitswelt in Deutschland aufbereitet und veröffentlicht. Vor wenigen Tagen erschien der Bericht für das vergangene Jahr 2015. Die Zahlen speisen sich aus Krankmeldungen, Umfragen bei Unternehmern oder Betriebsräten und anderen passenden Quellen.

 

Wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihr Schreibtisch trotz hohen Engagements täglich unübersichtlicher wird, könnte diesmal der Schein nicht trügen: Fakt ist nämlich, dass wir Deutschen insgesamt im vergangenen Jahr so viel gearbeitet haben wie selten seit Erhebung dieser Daten!

Mehr als 43 Millionen Beschäftigte erbrachten zusammen beinahe 59 Milliarden geleistete Arbeitsstunden. In Relation bedeutet dies eine Steigerung von rund einem Prozent zum Jahr 2014, so das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Seit der Wiedervereinigung lag dieses Volumen nur einmal höher.

 

Dies ist neben anderen Werten auch ein deutlicher Hinweis darauf, dass sich der Arbeitsmarkt insgesamt trotz zahlreicher globaler Krisenherde weiterhin robust zeigt und sogar weiter im Wachsen begriffen ist. Der Aufwärtstrend setzt sich also allen Unkenrufen zum Trotz fort. Insbesondere wegen der Eurokrise, dem schwächelnden Wachstum in China und vor allem wegen des innenpolitischen Streitthemas Mindestlohn gingen nicht weniger Arbeitsmarktforscher von einem Dämpfer aus.

 

Dies hat mehrere Ursachen:

 

1) Die Beschäftigten in Deutschland arbeiteten 2015 im Durchschnitt etwas länger an ihren Arbeitsplätzen als noch im Jahr zuvor. Auf beinahe 1.700 Stunden auf das ganze Jahr gerechnet kam die Durchschnittsvollzeitkraft. Da Urlaub, Feiertage und Krankheitsausfälle von einem Kalenderjahr in Abzug zu bringen sind, errechnen sich durchschnittlich 39 Wochenstunden pro Vollzeitarbeitnehmer.

Bei den Teilzeitkräften ergeben sich hingegen keine nennenswerten Ausschläge in eine Richtung, es blieb bei knapp 700 Stunden im Jahr 2015. Im Zehnjahresvergleich ist aber eine deutliche Zunahme der durchschnittlich geleisteten Stunden bei Teilzeit zu beobachten.

 

2) Absolut verbesserte sich die Anzahl der Beschäftigten immerhin noch moderat um etwas weniger als 1 Prozent auf ziemlich genau 43 Millionen Menschen. Dies ist zwar relativ wenig im Vergleich zu den Zuwächsen vor ca. 5 Jahren, aber wir befinden uns bereits auf einem sehr hohen Beschäftigungsniveau. Große Steigerungen sind bei gleichbleibender Bevölkerung kaum mehr möglich.

 

3) Die Zahl der Überstunden lag mit rund 21 bezahlten Stunden pro Arbeitnehmer zwar nur leicht über dem Vorjahreswert, allerdings muss man auch hier das hohe absolute Beschäftigungsniveau im Auge behalten. Interessanterweise wurde im Jahr 2015 aber weniger unbezahlte Mehrarbeit geleistet. Wir lagen bei ca. 25,5 Stunden je Beschäftigtem. Hier wurde ein jahrelanger Trend durchbrochen. Zehn Jahre zuvor waren es je Arbeitnehmer sogar noch 5 Stunden mehr als dann 2015.

Bei den Urlaubstagen hat sich zwischen 2014 und 2015 wenig bewegt. Mehr als 31 freie Tage, zuzüglich der gesetzlichen Feier- und Sonntage, konnten die Beschäftigten in Deutschland zur Erholung nutzen.

 

Einen Wehrmutstropfen hat die Statistik aber leider zu bieten. Sanken lange Zeit die jährlichen Krankenausfalltage sukzessive, war 2015 erstmals seit langem wieder eine kleine Steigerung von einem statistischen halben Arbeitstag zu verzeichnen. Insgesamt fehlten deutsche Arbeitnehmer im vergangenen Jahr krankheitsbedingt einen Tag länger.

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