In vielerlei Hinsicht zwingt der wachsende Mangel an geeigneten Bewerbern – nicht nur in den MINT Berufen – die Arbeitgeberseite dazu, bei manchen Auswahlkriterien ein Auge zuzudrücken. So bekommen viele Kandidaten eine Chance auf einen neuen Job, die noch vor ein paar Jahren wegen einer schlechten Examensnote oder einer noch fehlenden Fortbildung eine Absage erhalten hätten. Bei einem Thema gibt es aber weiterhin keinen Spielraum: die guten Manieren sollten unabhängig von der Stelle oder der Qualifikation als sogenannter Soft-Skill zwingend vorhanden sein.

Hintergrund ist, dass generell schlechte Umgangsformen im Job selbst unter Umständen geschäftsschädigend sein können. Dies gilt nicht nur für Berufe im Vertrieb oder der Unternehmenskommunikation. Längst wird abteilungsübergreifend gearbeitet und bei Konzern kann sich der Arbeitnehmer nicht sicher sein, ausschließlich im sprichwörtlichen stillen Kämmerlein zu interagieren. Kontakte zu Kunden und Lieferanten, bzw. deren Repräsentanten gehören weithin zum beruflichen Alltag. Der Arbeitgeber muss sich daher sicher sein, dass seine Mitarbeiter zu jeder Zeit in der Lage sind, durch das eigene Verhalten auch das Unternehmen bestmöglich zu repräsentieren. Daher geht es längst nicht nur um den Türöffner in die zweite Runde eines Bewerberauswahlverfahrens.

 

Auf das Thema Benimm bzw. Umgangsformen spezialisierte Berater reisen landauf, landab zu Unternehmen um dort in Form von Seminaren und Workshops zumindest die Standards an Hand von gängigen Situationen zu erläutern und zu üben. Bei der passenden Kleidung fängt es an. Vor allem in innovativen und kreativen Branchen und Bereichen mangelt es zwar oft bewusst an einer strikten Kleiderordnung, da man zum einen schwer an geeignete Fachkräfte mit Potential herankommt, der Bewerbermarkt hart umkämpft ist, oder aber weil der spezifische Lifestyle betont lässig ist. Dies trifft vor allem auf Agenturen und IT-Unternehmen vielfach zu. Dabei geht es in den Seminaren nicht darum, aus den betroffenen Mitarbeitern optische Banker und Versicherungsvertreter zu machen, sondern vielmehr um das Wecken einer Sensibilität. Idealerweise verständigt man sich darauf, dass bei angekündigtem Besuch von Geschäftspartnern generell im Unternehmen auf den berüchtigten Schlabberlook verzichtet wird; unabhängig davon, ob man vom Besuch selbst direkt tangiert ist oder nicht. Bei Unternehmen, die auch mit einem spontanen Publikumsverkehr konfrontiert sind, sollte man generell Unter- und Obergrenzen beim Kleidungsstil setzen.

Tipp: wenn eine solche Betriebsvereinbarung im Team diskutiert und dann faktisch mit dem Management beschlossen wird, ist die dauerhafte positive Wirkung meist besser als wenn es „par ordre de Mufti“ angeordnet wird. Natürlich kann es hier nie eine basisdemokratische Entscheidung geben, aber die Belegschaft gewissermaßen mitzunehmen, wirkt oft Wunder.

 

Diese „Knigge-Lehrer“ konstatieren immer öfter eine allgemeine Beobachtung, dass anscheinend die berüchtigte Kinderstube immer mehr Risse bekommt. Und dies gilt für alle Hierarchieebenen vom Vorstandschef, der bei einer Betriebsversammlung mit den Händen in den Hosentaschen spricht oder auch Vertriebsmitarbeiter, welche während des Mittagessens mit Kunden nicht in der Lage sind, Messer und Gabel richtig zu benutzen. Man muss also oftmals sehr tief ansetzen. Dabei ist die fachliche Komponente der „Knigge-Schüler“ oft herausragend. Beides hat vordergründig nichts miteinander zu tun.

 

Das Alter der Kandidaten für Benimmkurse ist dennoch nicht so entscheidend, wie viele vermuten. So gilt die Kritik nicht nur den Berufseinsteigern der jungen Generation, sondern quer über alle Alters- und Hierarchiestufen.

Erschwerend wirkt dabei noch ein ansonsten positiver Trend: nicht nur mehr in Konzernen, sondern in zahlreichen Branchen und Unternehmensgrößen mit zunehmend globalen Geschäftsfeldern kommen sowohl innerbetrieblich, als auch im Verkehr mit Kunden und Lieferanten verstärkt Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen zusammen. Wer sich da seinen eigenen Manieren und guten Sitten nicht ganz gewiss ist, kommt leicht ins Schwimmen, was nicht nur für Irritationen führen, sondern auch gemeinsame geschäftliche Erfolge schmälern kann. Dabei geht es keinesfalls darum, es an Selbstbewusstsein mangeln zu lassen. Im Gegenteil wirkt eine innerlich strukturierte Persönlichkeit auf Gegenüber meist positiv. Vorausgesetzt, man verlässt nicht die imaginäre Linie zu Arroganz oder affektiertem Verhalten.

 

Ein weiterer Aspekt ist der Umstand, dass die Arbeitswelt insgesamt flexibler und offener geworden ist. Im Extremfall sieht ein Vorgesetzter sein Team nur alle paar Tage zu Meetings, ansonsten arbeiten diese zu Hause und sind zudem geschäftlich in sozialen Netzwerken wie z.B. XING, LinkedIn oder Facebook und Twitter mit der Außenwelt in Kontakt. Dadurch sinkt die Möglichkeit der Kontrolle drastisch und man muss sich aufeinander verlassen können. In diesem Fall weniger in Bezug auf Bekleidung, sondern vielmehr im Hinblick auf verbale Ausdrucksweise. Ein jahrelang aufgebauter guter Ruf ist schnell beschädigt. Team- und Abteilungsleiter sollten idealerweise nicht laufend als „Feuerwehr“ agieren müssen. Natürlich ist die Art der Kommunikation stark branchenabhängig. Wird man in klassischen Industriebereichen oder im Banken- und Versicherungssektor sehr förmlich bleiben müssen, ist z.B. das „Du“ in Neuen Medien oder kreativen Berufen eher gebräuchlich. Letztlich kommt es auf die Erwartungshaltung beim Gegenüber an. Starre Regeln aufzustellen, ist wie bei den meisten Stilfragen sehr schwer. Generell neue Spielregeln für diese neue Arbeitswelt sind aber nicht erforderlich, wie Experten in diesem Metier einhellig beteuern. Vielmehr ist eine Rückbesinnung auf traditionelle Umgangsformen grundsätzlich sinnvoll. Dies gilt unabhängig von der spezifischen Unternehmenskultur.

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