Seit vielen Jahren findet ein meist politisch motivierter Diskurs zum Thema Einwanderung statt. Dieser Beitrag wird sich aber nicht mit dem für und wider des dauerhaften Zuzugs aus dem Ausland beschäftigen, sondern lenkt den Fokus sowohl auf die langfristigen Folgen für die Sozial- und Arbeitswelt in Deutschland, als auch auf Herausforderungen, welche bestimmte Branchen heute schon haben, damit sie geeignetes Fachpersonal rekrutieren kann.

 

Ein namhafter deutscher Pharmaproduzent machte vor kurzem öffentlich, dass man schon seit vielen Jahren ernsthafte Probleme damit habe, in chemischen und pharmazeutischen Berufsgruppen geeignete Kandidaten zu finden. Dies vor dem Hintergrund, dass dieser Konzern und viele andere Wettbewerber in den kommenden Jahren zahlreiche neue Medikamente auf den Markt bringen werden, die aber zunächst produziert werden müssen. Sowohl die Pharmaindustrie, als auch andere Branchen mit sehr spezifischen Produkten wie etwa der Sondermaschinenbau und natürlich Dienstleistungen für Endverbraucher haben aus nachvollziehbaren Gründen keine Chance, ihre Standorte dorthin zu verlagern, wo ausreichend Potentiale für das Recruiting sind. Deshalb merken diese Sparten bereits heute die für den Arbeitsmarkt ungünstige Entwicklung.

 

Dieser Wandel der Demographie geschieht schleichend und wird daher gerne in die ferne Zukunft abgedrängt. Studien errechnen beispielsweise für das Jahr 2050, dass in Deutschland anstatt der heute 45 Millionen Beschäftigten nur noch 29 Millionen Menschen hierzulande einem sozialversicherungspflichten Beruf nachgehen. Gerne wird dazu angeführt, dass ja auch die Gesamtbevölkerung schrumpfen wird: von heute ca. 81 Millionen auf dann ca. 65 Millionen, wenn man Wanderungseffekte neutral darstellt oder ganz ausklammert. Letztlich kommt es darauf an, welche Parameter man für seine Statistik berücksichtigt. Diese nackten Zahlen verbergen aber bewusst oder unabsichtlich einige für unsere soziale Ordnung negative Begleitumstände. Zum einen sinkt die Zahl der Beschäftigten gegenüber den Schülern und Studenten auf der unteren Bevölkerungsskala sowie den verrenteten oder pensionierten Menschen am oberen Ende der Bevölkerungspyramide, die schon längst diese Form nicht mehr aufweist. Zum anderen ist der Hinweis auf immer noch Millionen Arbeitslose eine reine Rechengröße, denn dies sagt nichts darüber aus, über welche Qualifikationen diese Arbeitslosen verfügen und ob diese in ihrem unmittelbaren Umfeld auch nachgefragt werden.

 

Das Statistische Bundesamt geht in einer aktuellen Veröffentlichung davon aus, dass der derzeit positive Wanderungssaldo (Verhältnis der Einwanderer zu den Auswanderern) von ca. 250.000 bis 300.000 Menschen im berufsfähigen Alter gerade ausreichend ist um das bestehende Gleichgewicht noch rund 10 Jahre zu halten. Aber schon um das Jahr 2020 herum werden die sogenannten „Baby-Boomer“ sukzessive in Ruhestand gehen. Hierbei handelt es sich gewissermaßen um die letzten starken Geburtenjahrgänge von ca. 1959 bis 1965 der alten Bundesrepublik. In der DDR kam es mit etwas Zeitverzögerung in die 1970er Jahre hinein zum Trend der Ein-Kind-Familie. Dies alles führt letztlich dazu, dass pro Jahr ab ca. 2019 wesentlich mehr Menschen aus dem Berufsleben altersbedingt ausscheiden werden, als neue Arbeitnehmer von der Schule oder der Universität nachfolgen können. Zumindest bezogen auf die angestammte Bevölkerung. Dies wird zwangsläufig dazu führen, dass Stellen von ausgeschiedenen Mitarbeitern auf allen Ebenen nicht mehr in dem Maße nachbesetzt werden können, wie dies bei einem durchschnittlichen Wirtschaftswachstum von 1,5-2 % notwendig wäre. War die zunehmende Automatisierung und EDV-Vernetzung in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Streitpunkt wegen der Wegrationalisierung von v.a. gewerblichen Beschäftigungsverhältnissen, wird die künftige fortschreitende Verschlankung der Arbeitswelt mit dieser entstehenden Lücke nicht mehr Schritt halten können. Wir werden also eine Umkehrung der bekannten Situation am Arbeitsmarkt erleben.

 

Dies ist in mehrerlei Hinsicht gefährlich! Wenn Unternehmen nicht mehr im notwendigen Maße offene Stellen besetzen können, hemmt dies unmittelbar Wachstumsziele der Wirtschaft. Nun sind wir keine Insel, sondern stehen mittlerweile im globalen Wettbewerb, zunehmend neben dem amerikanischen vor allem mit dem asiatischen Raum. Dort kann von Überalterung – Ausnahme Japan – keine Rede sein. Im Gegenteil liegt das Durchschnittalter z.B. in Indien bei rund 25 Jahren, in China, Vietnam, Indonesien und dem Iran sogar noch leicht darunter. Deshalb reicht es auch nicht, den Fokus nur auf unsere Nachbarn in der EU bei der Rekrutierung zu richten. Sicherlich ist es auf Grund der Freizügigkeitsregeln im europäischen Wirtschaftsraum nahezu hürdenlos geworden, dort Fachkräfte anzuwerben. Allerdings fehlen dann den Heimatländern häufig dringend benötigte Berufsgruppen. Man denke an Ärzte aus Polen oder Rumänien. Die gegenwärtige Massenarbeitslosigkeit im Mittelmeerraum stellt kurzfristig sowohl für diese Länder, als auch für Mittel- und Nordeuropäische Länder eine Win-Win-Situation dar. Langfristig wird man aber eine Lösung im Rahmen eines modernen Einwanderungsgesetzes finden müssen. Hier ist freilich die Politik in erster Linie gefragt. Es wäre aber sinnvoll, wenn die Entscheidungsträger dort Rat und Unterstützung von Arbeitgeberverbänden wie Gewerkschaften gleichermaßen annehmen würden, damit Einwanderung aus der „Rechts-Links-Debatte“ herausgeholt werden kann und eine Regelung getroffen wird, die von Dauer ist und dabei sowohl die Bedürfnisse der angestammten Bevölkerung, als auch jene der einwanderungswilligen Menschen aus anderen Teilen der Welt berücksichtigt. Andernfalls wäre auf Dauer nichts weniger als der soziale Frieden, wie wir ihn seit den 1950ern kennen und schätzen, gefährdet, da nicht nur die Rentenkassen an den Rande des Kollaps geraten könnten, sondern mit zahlreichen anderen Verwerfungen und damit einer realen Spaltung der Gesellschaft zu rechnen wäre. Es bleibt zu hoffen, dass nicht erst gehandelt wird, wenn es schon zu spät ist. Reparaturen am System wie z.B. die Verlängerung der Lebensarbeitszeit auf 67 Jahre, das Ende der Frühverrentungen mit steuerlicher Gegenfinanzierung und die Verkürzung der Schul- und Studienzeiten werden auf Dauer nicht ausreichen um unser Land und letztlich ganz Europa wettbewerbsfähig gegenüber den anderen Erdteilen zu erhalten.

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