Die Welt ohne Internet ist auch für Menschen mittleren Alters bereits eine gefühlte Ewigkeit her. Vor rund 25 Jahren wurde das World Wide Web für die zivile Allgemeinheit auf der ganzen Welt freigegeben. Dies bedeutet auch, dass Studienabsolventen, Studenten und Schüler von heute eine nicht-digitale Welt gar nicht mehr kennen. Man spricht hier von den „Digital Natives“. Längst nimmt die Nutzung sozialer Internetplattformen einen Gutteil des Alltags ein. Wer von den Lesern über 45 Jahren muss nicht gelegentlich schmunzeln, wenn Jüngere im Bus oder in Restaurants alle paar Augenblicke ihr Smartphone aktivieren in der Angst, eine Message, einen Tweet oder etwas Ähnliches verpasst zu haben? Um diese (Un-)Sitten soll es hier aber nicht gehen, sondern exemplarisch an zwei Themen darum, wie die massiv vorangeschrittene digitale Vernetzung gravierende Veränderungen in der bisher gewohnten Arbeitswelt erzeugt.

Klar ist, dass Unternehmen in den entwickelten, aber auch zunehmend in den Schwellenländern untergehen werden, wenn sie sich nicht den Herausforderungen dieses Wandels stellen. Viele Experten unterscheiden mittlerweile sogar zwischen der „Industrie 4.0“ als Bezeichnung für die Automatisierung der Robotik in der industriellen Fertigung einerseits sowie der „Industrie 5.0“ als Ausdruck für die Steuerung dieser Produktionsprozesse mittels internetgesteuerten Kontrollmechanismen, welche ungeheuerliches Potential im Hinblick auf weitere Effizienzsteigerung ermöglicht. Meist ist der Mensch an den Maschinen eine unberechenbare Fehlerquelle. Mittels größtmöglicher Vernetzung innerhalb eines Betriebs, aber auch darüber hinaus im Zusammenspiel mit Lieferanten und Abnehmern werden derzeit Spielräume offenbar, von denen man bis vor wenigen Jahren nicht einmal träumen durfte.

Dies ist die eine Seite. Ganzheitlich betrachtet darf man den Faktor Mensch aber nicht ausklammern. Es muss weiterhin gelten, dass die Wirtschaft für den Menschen da sein muss und nicht der Mensch für die Wirtschaft. Am Ende braucht zudem jeder Produzent und jeder Dienstleister menschliche Abnehmer für seine Angebote. Schon aus rein ökonomischen Gründen verbietet sich also eine Beschränkung der Betrachtungen ausschließlich auf technische Optimierungen. Die neue digitale Welt hält nämlich auch für die beruflich darin involvierten Menschen zwei gravierende Veränderungen bereit:

Der sicherlich positivste Effekt für die Arbeitnehmerschaft ist der Umstand, dass viele Berufsbilder sich weitgehend oder zumindest zeitweise vom Arbeitsort entkoppeln lassen. Vor allem Büroberufe jeder Art – und diese stellen zumindest in der westlichen Welt mittlerweile das gros der Arbeitsplätze – können von der Entkoppelung von Raum und Zeit massiv profitieren. Man sieht dies auch an den steigenden Zahlen der sogenannten Heimarbeitsplätze. Selbst Trainer und Seminarleiter müssen nicht mehr von einem Hotel zum nächsten um ihre Vorträge zu halten, sondern vielfach wird auf Webinare zurückgegriffen. Entweder simultan durch Interaktivität der Kursteilnehmer, oder zeitversetzt mittels Videos. Letzteres sicherlich eine innovative Weiterentwicklung des guten alten Telekollegs im Fernsehen. Kreative Köpfe müssen sich vor Arbeitsbeginn durch den nervigen Berufsverkehr kämpfen und dann auf Abruf Ideen entwickeln, sondern können theoretisch direkt nach dem Aufstehen im Morgenmantel am Notebook zu Hause ihre Ideen Wirklichkeit werden lassen. Oder was ist, wenn einem der zündende Einfall für ein neues Firmenlogo am Sonntagnachmittag kommt? Einfach machen, dem Chef ins Intranet stellen und mit dem Verweis versehen, dass man am Montag ausschlafen wird. Alles kein Problem mehr. Selbst Buchhalter können in Zeiten der e-Rechnung die Buchführung einschließlich Zahlvorgängen zu Hause erledigen und mittels SSL-Verschlüsselung auf den Unternehmensserver oder zum Steuerberater übertragen. Nun ersetzen die neuen Medien natürlich nicht persönliche Unterredungen. Auch Meetings und Pitches werden nicht ausschließlich via Videokonferenz ablaufen. Kunden wollen von Zeit zu Zeit persönlich besucht werden und anderes mehr. Dass der persönliche Kontakt weiterhin wichtig ist, zeigen auch laufend steigende Besucherzahlen bei Messen und Ausstellungen aller Art. Dennoch hilft die Möglichkeit, Arbeitsalltag von der Dienstanwesenheit am klassischen Arbeitsplatz abzukoppeln dabei, Themen wie Familie und Hobbies auch mit ehrgeizigen beruflichen Zielen besser unter einen Hut zu bringen.

Die Kehrseite der Medaille ist aber, dass durch diese Entkoppelung die althergebrachte Trennung in Arbeits- und Freizeit immer mehr verschwimmt. Der Blick auf die berufliche E-Mail-Inbox vor dem Zubettgehen oder gar am Strand während des Urlaubs sind nicht mehr ungewöhnlich. Die ständige Verfügbarkeit von Informationen und die Möglichkeit, rund um die Uhr an jedem Tag auch beruflich zu interagieren, setzt den menschlichen Organismus nicht selten unter gehörigen Stress. Wenn aus der Ausnahme die Gewohnheit wird, droht mitunter ein Born-Out. Vor einigen Jahren noch als Zipperlein wenig belastbarer Zeitgenossen abgetan, handelt es sich mittlerweile um eine anerkannte psychische Krankheit. Nicht immer ist ein fordernder Arbeitgeber schuld. Im Gegenteil sorgen sich längst nicht mehr nur Großkonzerne, sondern auch Mittelständler und Kleinbetriebe um die Gesundheit ihrer Fach- und Führungskräfte. Ein selbstreflektierender, vernünftiger Umgang mit der neuen Technik ist eben auch ein Stück der Eigenverantwortlichkeit der Arbeitnehmer. Sollte dennoch ein Chef eine dauerhafte Erreichbarkeit rund um die Uhr fordern, sollte man das offene Gespräch suchen, sich ggf. auch an den Betriebsrat oder an den höheren Vorgesetzten wenden und eine Lösung mit verbindlichen Aus-Zeiten verabreden. Eine dauerhafte Rufbereitschaft über das ganze Arbeitsleben lang hält niemand durch und darf auch nicht verlangt werden. Vernunft sollte über die theoretischen technischen Möglichkeiten obsiegen – zum Nutzen aller Beteiligten!