Wie auch wir bereits berichtet haben, entschied Europäische Gerichtshof (EuGH) im Mai dieses Jahres, dass Arbeitgeber grundsätzlich zur Arbeitszeiterfassung verpflichtet sind. EU-Recht steht hier über nationalem Recht. Quer durch alle Unternehmer- bzw. Arbeitgeberverbände ging ein Aufschrei, dass der Rückkehr zur alten Stechuhr in modernem Gewand anstehen könnte. Auch läutete für die in vielen Branchen üblich gewordene Vertrauensarbeitszeit das Sterbeglöckchen.

Aber es mehren sich auch andere Stimmen. Für viele überraschend aus Bereichen, die „jung“ und „hipp“ sind. Telekommunikationsunternehmen ebenso wie Digitalagenturen und IT-Entwicklungsunternehmen. Hierunter vor allem Start-Ups, die von jungen Unternehmern geführt werden, meist von diesen gegründet wurden.

Dies nicht aus althergebrachter Sozialromantik, sondern aus rein pragmatischen Ansätzen heraus. Zum einen sind Überstunden ein Kostenfaktor. Darüber hinaus ist es vor allem in geistigen und kreativen Berufen erfahrungsgemäß kaum möglich, sich 5 Tage pro Woche oder mehr wirklich acht volle Stunden pro Tag zu konzentrieren. Die Produktivität sinkt unweigerlich, vielfach sitzen Mitarbeiter dann aus ggf. falschem Pflichtbewusstsein ihre Zeit ab. Der Arbeitgeber hat davon letztlich ebenso wenig wie der Arbeitnehmer. Vielfach herrscht noch die Vorstellung aus dem klassischen industriellen Zeitalter vor, dass man eine Schicht von Anfang bis Ende zu 100 % fahren muss. Die Lebenswirklichkeit hat sich aber zwischenzeitlich drastisch gewandelt, nicht nur in den neuen digitalen Berufsfeldern. Auch dort, wo projektbezogen gearbeitet wird, gibt es mal Spitzen, mal aber auch Leerlauf. Die Aufzeichnung der tatsächlich geleisteten Arbeitszeit gibt beiden Seiten die Möglichkeit, Arbeitszeitkonten flexibel zu handhaben. Steht kurzfristig ein Pitch an, arbeitet man länger, ist Auftragsflaute, kann man guten Gewissens nach getaner Pflichtübung früher in die Freizeit.

Der Besitzer einer Onlineagentur berichtete sogar, dass er die generelle Arbeitszeit von acht auf fünf Stunden bei vollem Gehaltsausgleich und Urlaubsanspruch. Parallel dazu müssen Wochenziele erreicht werden. Dadurch entfallen Ablenkungen und lange Pausen. Mna powert durch, hat aber dafür ab dem späten Mittag frei. Seine Mitarbeiter nutzen dies dann zum gemeinsamen Lunch, der im sozialen Hinblick den After-Work darstellt.

Und noch ein weiterer Aspekt spielt heutzutage eine tragende Rolle, der vor allem die Millennials betrifft. Diese um die Jahrtausendwende geborenen jungen Menschen kommen sukzessive auf den Arbeitsmarkt und haben im Gegensatz zu ihren Vorgängergenerationen eine andere Vorstellung von der vielzitierten Work-Life-Balance. Wertige Freizeitgestaltung ist oftmals wichtiger als steile Karrieren und stark wachsende Einkommen. Diesen Beschäftigten kommt ein fixer Feierabend sehr entgegen.

Aber nicht jeder kann mit diesem Deal der Arbeitsverdichtung auf der einen Seite und dem höheren Freizeitgehalt auf der anderen Seite etwas anfangen. Dies betrifft insbesondere den krassen Gegensatz zwischen erhöhtem Druck während der Arbeit bei gleichzeitig längerem Leerlauf in der Freizeit.

Denn längst nicht alle Arbeitnehmer sehnen sich nach mehr Freizeit. Zudem zeigen Studien durchaus einen positiven Einfluss der mittlerweile vielfach üblichen Vertrauensarbeitszeit. Vertrauensarbeitszeit alleine sei aber auch nicht die Lösung. Vielfach müssen Vorgesetzte einschreiten. Nicht etwa deshalb, weil während der Arbeitszeit gebummelt wird, sondern weil Arbeitnehmer zu viel und zu lange arbeiten. Außerdem schließen sich Vertrauensarbeitszeit und Arbeitszeiterfassung nicht aus, auch nicht nach dem genannten Urteil. Den Gewerkschaften ist wichtig, dass auch die Arbeitnehmer einen Überblick und die Kontrolle über ihre eigene Arbeitsleistung haben.

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