Schon seit geraumer Zeit wurden Zusammenhänge zwischen dem sozial meist erzwungenen Arbeits- bzw. Schulrhythmus und dem Schlafverhalten festgestellt. Auch ist bekannt, dass es verschiedene „Schlaftypen“ gibt: die Frühaufsteher und die nachtaktiven Langschläfer. Seit dem Beginn der Industrialisierung vor knapp 200 Jahren ist der Mensch aber weitgehend durchgetaktet und hat sich an feste Zeiten zu halten. Das Leben nach der Uhr ist die Regel geworden. Daran hat auch der derzeitige Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft nichts geändert.

Aber nicht nur die Uhrzeiten, sondern auch die tatsächliche durchschnittliche Schlafdauer wird zunehmend zu einem gesellschaftlichen Problem. Es wäre zu kurz gegriffen, diesen Umstand nur auf die Arbeit oder die Schule respektive Universität zu schieben. Auch Freizeitaktivitäten, vor allem Fernsehen und vor dem PC oder dem Smartphone verbrachte Zeit verkürzen den Nachtschlaf erheblich. Dies auch schon bei Kindern und Jugendlichen.

Gerade wir Deutschen sind ein Volk, das in alter preußischer Pflichtmanier den Schlaf nicht schätzt. Dies hat sich chronisch über viele Generationen tradiert. Dies sieht man vor allem bei Vergleichen  mit unseren benachbarten Nationen. Es handelt sich also um kein generelles Problem der Industrienationen.

Es gilt die allgemeine Faustregel, dass ein Mensch, der innerhalb eines Monats an mindestens drei Nächten in der Woche kaum einschlafen oder durchschlafen kann, professionelle Hilfe braucht. Zumal mit diesem chronischen Phänomen meist negative Begleiterscheinungen in der Wachphase wie z.B. Aufmerksamkeitsdefizite, Konzentrationsschwäche, verminderte Gedächtnisleistung und aber auch schnelle Überreizung, Kopfschmerzen und Probleme beim Verdauungstrakt auftreten. Von solchen Themen sind knapp 5 Millionen Menschen in Deutschland, mithin 6 % betroffen.

Interessant ist die relativ neue Erkenntnis, dass unter anderem die Gene dafür verantwortlich sind, wie viel Zeit ein Mensch schlafend verbringt. Die Mehrheit benötigt für eine vollständige Erholungsphase zwischen 6 und 8 Stunden, manche aber mehr Schlaf. Nur eine Minderheit kommt dauerhaft mit weniger Schlaf aus. Ähnlich sieht es mit der natürlichen Aktivphase aus. Wer von Haus aus in der Frühe fit ist und gerne mit Sonnenaufgang den Tag beginnt, dafür aber Abend rasch müde wird, ist in unserer genormten Gesellschaft gewissermaßen privilegiert. Das kann man sich aber leider nicht antrainieren, ebenso wie man Schlaf nicht gewissermaßen auf Vorrat vorziehen oder später nachholen kann. Der individuelle Biorhythmus lässt sich nicht austricksen. Auch wird der Mittagsschlaf, neudeutsch Powernapping überschätzt. Dieser sollte kurz sein, nicht länger als eine halbe Stunde dauern. In Ländern mit heißem Klima, so etwa in Spanien hat sich die Siesta zur Mittagszeit durchgesetzt, weil Arbeiten in der Mittagssonne kaum möglich ist. Auch Fernfahrer nutzen einen Trick, indem sie eine Tasse Kaffee trinken und dann ein kurzes Nickerchen machen. Das Koffein wirkt nämlich zeitverzögert etwa eine halbe Stunde nach Genuss. Wer dazwischen schläft, hat wieder viel Konzentrationsfähigkeit gewonnen. Dies ist aber nur ein Behelf und kann in Büro- oder Fabrikberufen ohnehin nicht sinnvoll angewandt. Werden. Jedenfalls hat sich die japanische Art, dass Mitarbeiter Mittags in Zelten unter ihren Schreibtischen Erholung finden, hierzulande nicht durchgesetzt.

Ein erzwungenes Leben gegen die innere Uhr führt in der Regel meist zu dauerhafter Erschöpfung.

Es gibt auch einen Geschlechterunterschied, da Frauen mehr Schlaf benötigen als Männer. Zudem sorgen hormonelle Schwankungen, mit denen Frauen wegen der Monatsregel, Schwangerschaften und Menopause im Laufe ihres Lebens zu tun haben, dafür, dass sie schneller auf Schlafprobleme reagieren als Männer. Zudem spielt die weibliche Psyche eine gewichtige Rolle. So nehmen Frauen meist ihre Sorgen und Probleme mit ins Bett und können vor lauter Grübeln und innerer Anspannung dann nicht gleich einschlafen.

Der sozial akzeptierte Lebensrhythmus wird schon den Schülern antrainiert. Sobald die Schultüte ausgepackt ist, gilt es für die meisten jungen Menschen in Deutschland, die nächsten 9 bis 13 Jahre zwischen 7 Uhr und 8 Uhr mit dem Schulbankdrücken zu beginnen. In England hingegen ist Schulbeginn in der Regel erst um 9 Uhr. Unsere Nachbarländer lassen die Kinder meist um 8:30 Uhr herum starten. Daher wäre zu überlegen, ob man in Deutschland eine Schulreform nicht nur im Hinblick auf die Inhalte, sondern vor allem auf die Zeit, wann diese Inhalte vermittelt werden, durchzuführen. Allerdings tauchen immer wieder Umfragen auf, wonach vor allem die Eltern gegen einen späteren Schulbeginn sind, bis zu 2/3 der Eltern wollen die bisherige Regelung beibehalten. Dies hat natürlich auch mit den Schulwegen und dem praktischen „Elterntaxi“ zu tun: wenn die Schule später beginnt, können viele Eltern das Bringen der Kinder am Morgen mit den eigenen Arbeitszeiten nicht mehr in Einklang bringen. Dies zeigt das gesamtgesellschaftliche Problem sehr deutlich auf. Unabhängig davon, dass auch die Lehrerschaft und die Verwaltungsangestellten in den Schulen von einem späteren Unterrichtsbeginn profitieren würden.

Eigentlich wäre es längst fällig, die Arbeitszeit an das geänderte Freizeitverhalten und das nachgewiesene Schlafbedürfnis anzupassen. Entweder man flexibilisiert die Präsenzpflicht oder man nutzt die fortschreitende Digitalisierung zur generellen Reduktion der Arbeitszeit. Durch eben diese Digitalisierung mit der Folge, dass man nahezu rund um die Uhr erreichbar ist, passiert aber momentan das Gegenteil. Wir sind auf dem besten Weg in eine Non-Stop-Gesellschaft. Welche Folgen das haben kann, sieht man heute schon in Japan und Singapur. In vielen Ländern Asiens ist die Dauerverfügbarkeit der Arbeitskräfte bereits Wirklichkeit und wird auch allgemein erwartet. Ebenso setzt sich die sogenannte 24/7-Öffnung von Handelsgeschäften, Fitnessstudios und Restaurants in vielen Gesellschaften rasant durch. Aber auch in Deutschland ist Sonntag längst kein klassisch arbeitsfreier Tag mehr.

Die Kehrseite sollte aber auch Arbeitgeber allarmieren. Denn durch Schlafdefizite bzw. deren Symptome kommt es hierzulande pro Jahr zu 200.000 Fehltagen. In Euro sind dies auf der Basis von 2017 immerhin 60 Milliarden volkswirtschaftlicher Schaden.

Rund 80 verschiedene Schlafstörungen sind bekannt. Schlafstörungen wie Apnoe können erhöhten Blutdruck, erhöhte Neigung zum Schlaganfall, Herzrhythmusstörungen und den plötzlichen Herztod begünstigen, weil sie Schäden an Gefäßen verursachen. Auch der übermäßige Konsum von Schlafmitteln ist in Deutschland ein Problem. Bis zu 1,9 Millionen Menschen nehmen nach Angaben der Fachgesellschaft regelmäßig Tabletten ein. Wer die Mittel absetzt, wird unmittelbar wieder von den Schlafproblemen gebeutelt, da diese Medizin keine heilende, sondern nur symptomatische Wirkungen haben.