Was in der verarbeitenden Industrie bereits seit vier Jahrzehnten gang und gäbe ist, bedroht nun auch die Büroarbeitswelt: Roboter werden in den kommenden fünf Jahren womöglich bis zu 5 Millionen klassische Büroarbeitsplätze in den Industrienationen der OECD ersetzen. Dies geht aus einer Studie hervor, welche kurz vor Beginn des diesjährigen Weltwirtschaftsforums in Davos als Prognose lanciert wurde. Mehrere namhafte Tageszeitungen und Nachrichtenportale berichteten Mitte Januar darüber.

 

Die Zahl resultiert aus einer Umfrage bei den Geschäftsleitungen von mehr als 300 größten Konzernen der Welt. Unter dem Schlagwort „Industrie 4.0“ sei dieser sukzessive Umbau voll im Gange. Nimmt man noch weitere Arbeitsbereiche wie etwa Hotelrezeptionen o.ä. in die Rechnung mit auf, sollen demnach sogar mehr als sieben Millionen Arbeitsplätze entfallen. Während im Bereich der verarbeitenden Berufe, also bei den sogenannten „Blue-Collar-Workers“ seit vielen Jahrzehnten Arbeitsplätze durch automatisierte Fertigungsanlagen der Wandel schon auf einem hohen Niveau angelangt ist, sind nun jene Beschäftigte mit „weißem Kragen“ betroffen. Neue Stellen werden im kommenden Fünfjahreszeitraum zwar auch geschaffen, aber hauptsächlich für rund zwei Millionen IT-Spezialisten.

 

Ganz besonders Deutschland wird von diesem Wandel stark betroffen sein, deutlich intensiver als andere europäische Staaten. Da vor allem Stellen in der Verwaltung und damit zusammenhängenden Berufsbildern wegfallen dürften, sind Frauen vom Verlust des Arbeitsplatzes deutlich stärker betroffen als Männer, was die Forscher mit der unterschiedlichen Geschlechtergewichtung in den verschiedenen Berufsgruppen begründen. In den mathematisch-technisch-naturwissenschaftlichen Gebieten, den sogenannten MINT-Berufen sind nach wie vor die Männer in der Überzahl, hier werden tendenziell sogar weiter Stellen geschaffen. Im Bereich der Assistenzen, der Buchführung, des Rezeptionsdienstes und artverwandten Profilen wird der Stellenabbau hingegen überproportional sein. Dort sind aber Frauen weiterhin in der Mehrheit, zumindest in den sachbearbeitenden Ebenen ohne Führungsverantwortung. Auch im Personalbereich (HR) selbst wird vermutlich abgebaut, weil spezielle Programme zur Potentialanalyse, Assessment Center mittels Ferndiagnose über Internetschnittstellen und andere Innovationen einen Teil der Mitarbeiter in der Personalrekrutierung und –entwicklung ersetzen könnte.

 

Die digitale Revolution macht zwar einerseits für viele Menschen das Leben leichter, z.B. Roboter in der Pflege oder als Haushaltshilfen, andererseits geraten ganze Berufsgruppen in den Fokus des Stellenabbaus, die bislang als sicher galten. Dies zudem branchenübergreifend. Ob eine temporäre Massenarbeitslosigkeit droht, lässt sich nicht voraussagen, da nahezu alle Industrienationen mit schrumpfenden Populationen konfrontiert sind. Konkret bedeutet dies, dass immer weniger junge Menschen auf die bisherigen Erwerbsgenerationen nachfolgen. In Deutschland konnten im vergangenen Jahr beispielsweise Ausbildungsplätze in hoher fünfstelliger Zahl nicht mit Bewerbern besetzt werden. Außerdem fehlen weiterhin mehrere tausend Pflegekräfte in Krankenhäusern und Heimen. Hier bietet die Automatisierung und Digitalisierung sogar eine Chance, weil die Verwerfungen in den Alterspyramiden, die schon gemessen an der Form längst keine mehr sind, auch durch hohe Zuwanderungssalden nicht komplett ausgeglichen werden können. Als sicher kann allerdings gelten, dass die Einkommensunterschiede größer werden. Und zwar zwischen jenen, die einfach zu erlernende Aufgaben erfüllen und jene, deren Jobprofile nicht durch Maschinen zu ersetzen sind. Frauen in Teilzeit werden vermutlich die Leidtragenden sein.

Im Vorfeld des Weltwirtschaftsforums geht man davon aus, dass die Branchen vom Abbau der Arbeitsplätze unterschiedlich hart betroffen sein werden: Besonders düster sind die Aussichten in der Mittelschicht für Angestellte im Gesundheitssektor, in der Energie- und Finanzwirtschaft. Mehr Arbeitsplätze sind dagegen, wenig überraschend, im IT-Bereich zu erwarten, dort, wo die Fortschritte der Digitalisierung erdacht und konstruiert werden. Zukunftsfelder sind unter anderem Roboter, 3D-Drucker, Nanotechnologie, Gen- und Biotechnik, mobiles Internet. Dies allerdings nicht überall in gleichem Maße. Während Europa und Nordamerika mit einer Schrumpfung des Arbeitsplatzangebotes in den genannten Berufsgruppen rechnen müssen – Ausnahmen dürften Großbritannien und die Türkei sein – wird das Arbeitsangebot in den ASEAN Staaten aber auch in Schwellenländern wie etwa Mexiko steigen. Daher wird sich der Trend global nicht gleichermaßen zum Tragen kommen. Volkswirtschaften, die insgesamt stark wachsen, auch noch einen gewissen Nachholbedarf in ihrer Entwicklung gegenüber den klassischen Industrienationen der sogenannten „ersten Welt“ haben, verfügen über eine Art Puffer und können sich die automatisierten Innovationen oftmals nicht in der Fläche leisten. Zudem ist die menschliche Arbeitskraft an sich oftmals preiswerter als in modernen Sozialstaaten, zu denen auch die Bundesrepublik gehört.

 

Qualifizierung der gefährdeten Mitarbeiter kann helfen, Arbeitslosigkeit zu vermeiden. Außerdem sollten sich Industrienationen Maßnahmen überlegen um die Arbeitszeit zu verkürzen, Arbeitsplätze im Hinblick auf „Home-Office“ u.a. zu flexibilisieren und weiter an Ausstiegsmodellen am Ende der Lebensarbeitszeit arbeiten. Stichwort ist hier die diskutierte Flexi-Rente, also weg vom starren Ausstieg mit Erreichen eines bestimmten Alters. Die Vorgehensweise der Gewerkschaften, weniger werdende Arbeit auf mehr Beschäftigte zu verteilen und dadurch Arbeitsplätze schaffen, wird so aber nicht mehr lange aufgehen.

 

Allerdings ist das skizzierte Szenario des massenhaften Jobverlusts nicht ohne Widerspruch. Die Pessimisten gehen schon seit Langem davon aus, dass künftig Roboter und andere Maschinen die bisher durch Menschen erledigten Aufgaben übernehmen. Dies trat so bisher nicht flächendeckend ein. Verantwortlich für den Aufbau neuer Arbeitsplätze waren in der Vergangenheit die steigende Produktivität und die menschliche Kreativität: Es entstehen neue Geschäftsmodelle, in denen Menschen Arbeit finden. Auch in Zukunft dürfte es für sehr flexible Arbeiten nach wie vor den Menschen brauchen, während Routinearbeiten demnächst von Maschinen erledigt werden. Allerdings ist es immer einfacher zu sagen, welche Arbeitsplätze durch den technischen Fortschritt gefährdet sind, als zu beschreiben, welche Berufe in Zukunft entstehen.

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