Die Arbeitszeit muss neu verteilt werden

Im Zuge der vielfach diskutierten und auch an dieser Stelle bereits öfter skizzierten Thematik der Automatisierung und Digitalisierung der Arbeitswelt kommt eine Idee auf, die eigentlich schon ad acta gelegt schien: die Neudefinition der Vollzeitarbeitsstelle mittels genereller Verkürzung.

In Deutschland gilt seit fast 100 Jahren die 40-Stunden-Woche und ist gesetzlich geregelt. Überstunden jenseits dessen sind entweder zu vergüten oder können als Freizeitausgleich genommen werden. Zudem ist seit der Frühzeit der Bundesrepublik die 5-Tage-Woche etabliert. Kurz gesagt ist dadurch garantiert, dass Arbeitnehmer bezogen auf eine Woche (sieben Tage) zwei Tage zur Erholung frei bekommen. Regelmäßig soll dies an zwei zusammenhängenden Tagen möglich sein. Soweit der Status quo per Gesetz.

Manche Branchen haben bereits vor Jahrzehnten eine kürzere Vollzeit definiert. So konnte die IG Metall in den 1980er Jahren für das damalige Westdeutschland die 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich aushandeln. Ein Versuch dieser Gewerkschaft, die Regelung auch für die neuen Bundesländer auszuhandeln, scheitere 2003, also mitten im Umbau durch die sogenannte Agendapolitik des Bundeskanzlers Schröder.

Danach wurde es still um Arbeitszeitverkürzungen. Während die Arbeitnehmervertreter in den schwierigen 2000er-Jahren zumindest in Deutschland Zurückhaltung übten, fokussierten sie sich mit Beginn des gegenwärtig anhaltenden Aufschwungs seit dem Jahr 2010 meist auf deutliche Lohnerhöhungen und konnten diese in der Regel weitgehend durchsetzen. Zugleich stiegen aber auch die Arbeitszeitkonten rapide an. Kumuliert waren es 2016 mehr als 1,7 Milliarden Mehrstunden, davon vielfach nicht bezahlt. Studien zeigen zudem, dass mehr Arbeit auch die Krankheitskurven ansteigen lassen. So stiegen im ersten Halbjahr 2018 erstmals seit längerem die Ausfalltage durch Krankmeldungen der Arbeitnehmer wieder deutlich an. Immer mehr Befunde zeigen auf psychische Belastungssyndrome, welche oftmals zu längeren Arbeitsausfällen führen.

Ungeachtet dessen möchte fast die Hälfte aller in Deutschland Beschäftigten gerne Arbeitsstunden abgeben. Die meisten sind bereit, dafür auch Gehaltseinbußen hinzunehmen. Betriebsräte und Gewerkschaften haben vor Kurzem darauf reagiert und in den jüngsten Tarifverhandlungen Arbeitszeitmodelle durchgesetzt, die den bisherigen Tunnelblick auf stets nur mehr Lohn aufgehoben haben. Natürlich können Arbeitnehmer nach Abschluss dieser neuen tariflichen Vereinbarungen weiterhin die Gehaltserhöhung wählen. Andererseits besteht aber sowohl in der Metall- und Elektroindustrie, als auch bei den Eisenbahnern die Möglichkeit, sich für eine Reduzierung der Arbeitszeit bei Verzicht auf die Lohnerhöhung zu entscheiden, ohne formal in einen Teilzeitjob zu wechseln.

Angesichts der hervorragenden Auftragslage in unserem Land klingen solche Überlegungen zunächst paradox. Zur Steigerung des Bruttosozialprodukts hat man schließlich ordentlich in die Hände zu spucken, wie es in einem bekannten Schlager aus den 1980er Jahren heißt. Diese analoge Herangehensweise an die Herausforderung der Arbeitswelt scheint aber vielfach überholt zu sein und dies hat einen handfesten Grund.

Nicht allgemeine „Faulheit“ der modernen Gesellschaft ist Ursache für ein um sich greifendes neues Bewusstsein für die Einteilung der Woche in Beruf und Freizeit/Familie, sondern die oftmals persönlich erlebten Erfahrungen mit einer mehr anwachsenden Erreichbarkeit auf Grund der mittels technischen Fortschritts immer mehr verschwimmenden Grenzen zwischen Arbeits- und Freizeit. Mobiltelefon, E-Mail, Skype und Home-Office verleiten nicht nur die Arbeitgeber, sondern vor allem die Arbeitnehmer selbst dazu, am Abend und an den Wochenenden keinen klaren Schnitt zu machen. Dies wird sich auch nicht ändern. Daher steigt vielfach der Wunsch, zumindest die verpflichtende Präsenzzeit am Arbeitsplatz zu reduzieren. Die Arbeitszeit sollte gewissermaßen neu verteilt werden.

Da das Tempo und der Termindruck stetig steigen, klagen mehr als ¾ der befragten Arbeitnehmer in Vollzeit, dass sie sich ständig getrieben und gestresst fühlen. Nicht selten entwickeln sich im Laufe der Zeit psychogene Belastungserkrankungen oder Depressionen. Dies hat nicht nur negative Auswirkungen auf direkt betroffene Arbeitnehmer und Arbeitgeber, sondern wird zu einer gesamtgesellschaftlichen Belastung. So hat sich die verschriebene Menge an Antidepressiva gemäß einer Studie der Techniker Krankenkasse in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt, zudem hat jeder fünfte Arbeitnehmer bereits einen Burn-out erlebt. Mittlerweile ist unbestritten, dass zu viel Arbeit krank machen kann. Außerdem ist erwiesen, dass eine höhere Arbeitszeit nicht mehr Leistung garantiert. Untersuchungen haben ergeben, dass der durchschnittliche Arbeitnehmer mit einem Achtstundentag im Durchschnitt nur 2,5 Stunden wirklich konzentriert arbeitet.

Ein seit Anfang 2018 laufendes Experiment am anderen Ende der Welt, in Neuseeland, bietet den rund 230 Angestellten eine Vier-Tage-Woche bei 32 Stunden als neues Vollzeitmodell bei gleichen Bezügen. Zunächst war die Skepsis bei den Beschäftigten größer als beim Management. Nach rund einem halben Jahr bestätigt sich die Annahme, dass die messbare Produktivität nicht sinkt, sondern im Gegenteil sogar steigt. Die Mitarbeiter sind motivierter, in der verbliebenen Arbeitszeit konzentrierter und dadurch effizienter. Seit Oktober 2018 wurde aus dem Experiment eine Dauereinrichtung.

Auch in Deutschland und Österreich laufen solche Versuche bei kleinen mittelständischen Unternehmen. Natürlich lassen sich die Arbeitgeber eine Hintertüre auf Rückkehr zu den vertraglichen Konditionen offen, meist laufen diese Versuche zwischen drei und sechs Monaten. Meistens sind die Erfahrungen aber durchweg positiv.

Man muss die positiven Nebeneffekte einrechnen, damit die Betrachtung ganzheitlich wird. Denn zunächst steht meist eine Erhöhung der Arbeitskosten ins Haus. Vielfach können die Arbeitsabläufe nicht mehr weiter komprimiert werden. Damit für die Stammbelegschaft die verkürzte Arbeitszeit nicht zu einem täglichen, kraftraubenden Sprint wird, muss neues Personal eingestellt werden. Unterm Strich ist die Belegschaft aber deutlich seltener krank, die Fluktuation sinkt wegen höherer Zufriedenheit und vieles andere mehr. Für die meisten Branchen rechnet sich das also auf mittlere und lange Sicht.

Wie sieht es aber mit dem Fachkräftemangel aus? Wo sollen die zusätzlich benötigten Kollegen herkommen?

Hier kommt die Digitalisierung ins Spiel. Durch maschinelle Übernahme einfacher, wiederkehrender und letztlich aber zeitraubender Tätigkeiten durch Maschinen, Softwarelösungen etc. können sich die Beschäftigten auf die wesentlichen Themen in ihren jeweiligen Berufsbildern konzentrieren. Auch hier muss erst investiert werden, bevor die betriebswirtschaftlichen, aber auch menschlichen Vorteile zur Zufriedenheut aller Beteiligten greifen können.